Wenn der Darm in Aufruhr ist –
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Biologics können die Entzündung bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen bremsen

Darmprobleme sind ein Tabuthema. Aus Angst vor der bevorstehenden Untersuchung oder einer ernsthaften Erkrankung quälen sich viele Menschen lieber mit schmerzhaften Krämpfen und Durchfällen, statt einen Arzt zu Rate zu ziehen. Dauern die Beschwerden länger an, kann eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung dahinterstecken. Diese sogenannten CED, die in Colitis ulcerosa und Morbus Crohn unterschieden werden, sind zwar nicht lebensbedrohlich, sie können die Lebensqualität der Betroffenen jedoch massiv einschränken. Das Gros der Patienten leidet phasenweise an täglichen Durchfällen. Bauchschmerzen sind ständige oder zumindest immer wiederkehrende Begleiter. Das Gefühl nicht zu wissen, wann der nächste Toilettengang bevorsteht, treibt die Patienten mehr und mehr in die Isolation. Häufig schränken sie ihre Freizeitaktivitäten stark ein und gehen nur aus dem Haus, wenn eine Toilette in Reichweite ist. Doch gibt es durchaus Möglichkeiten, den Entzündungen zu begegnen. An unserem Expertentelefon gaben vier erfahrene Spezialisten den Anrufern praktische Hinweise, wie sie CED behandeln und quälende Symptome dauerhaft unter Kontrolle bekommen können.

Dr. med. Stefanie Howaldt

Fachärztin für Innere Medizin mit CED-Schwerpunktpraxis in Hamburg. Schwerpunkte: Betreuung überwiegend schwerkranker Patienten und ambulante Durchführung der Therapie mit Biologics.



Dr. med. Tanja Kühbacher

Oberärztin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Klinik für allgemeine Innere Medizin. Schwerpunkte: Entzündungsmedizin und CED-Ambulanz.



PD Dr. med. Thomas Ochsenkühn

Leiter der CED Ambulanz und Privatdozent an der Medizinischen Klinik II des Klinikums Großhadern der Universität München. Schwerpunkte: CED-Spezialdiagnostik und -Therapie (v. a. Einsatz von Immunsupressiva und Biologics).

Prof. Dr. med. Andreas Raedler

Chefarzt des Asklepios Westklinikums Hamburg, Abteilung für Innere Medizin, Gastroenterologie. Schwerpunkte: Krankheitsgeschichte chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen, Gastroenterologie und Immunologie.

Keine Angst vor der Darmspiegelung

Insgesamt gibt es derzeit schätzungsweise 200.000 bis 300.000 Menschen in Deutschland, die mit Colitis ulcerosa und Morbus Crohn leben müssen. Bei den meisten Patienten zeigt sich die Krankheit erstmals in jungen Jahren – meist zwischen dem 15. und 35. Lebensjahr. Aber auch ältere Personen sind nicht gefeit. Obwohl CED nicht geheilt werden können, ist es möglich, die Lebensqualität der Betroffenen mit der richtigen Behandlung erheblich zu verbessern. Dazu ist jedoch eine eingehende Untersuchung notwendig. „Nur durch eine Darmspiegelung kann man chronisch-entzündliche Darmerkrankungen sicher diagnostizieren“, erklärt die Hamburger Fachärztin Dr. Stefanie Howaldt. Wer sich vor der Untersuchung fürchtet, sollte in jedem Fall mit seinem Arzt über seine Ängste sprechen, rät Dr. Tanja Kühbacher. Die Oberärztin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein relativiert schon im Vorfeld die schlimmsten Befürchtungen der Patienten: „Die Darmspiegelung an sich werden Sie verschlafen, da diese Untersuchung mit einer Schlafspritze durchgeführt wird. Etwas anstrengend ist am Tag vor der Untersuchung nur die Darmreinigung.“

Hauptziel: Entzündungshemmung

Wurde eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung diagnostiziert, müssen zwei Verlaufsformen unterschieden werden. Während bei Colitis ulcerosa (CU) nur der Dickdarm entzündet ist, können bei Morbus Crohn (MC) alle Darmabschnitte mehr oder weniger zusammenhängend befallen sein. „Die Entzündung kann über die Schleimhaut hinaus auch den Bauchraum mit einbeziehen“, so PD Dr. Thomas Ochsenkühn. Die Ursachen für die mal dauerhaft mal schubartig verlaufenden Erkrankungen sind bislang noch unbekannt. „Eine genetische Komponente ist insbesondere beim Morbus Crohn jedoch anzunehmen“, erklärt der Münchner Privatdozent. Hauptziel jeder Therapie sei die Entzündungshemmung. „Seit einigen Jahren stehen auch sogenannte Biologics als neue Therapieoption zur Verfügung, die nicht nur die Symptome lindern, sondern auch die Entzündung stoppen, indem sie den Entzündungsbotenstoff TNF-alpha blockieren“, meint PD Dr. Ochsenkühn. „Für die CU-Therapie ist das einzig zugelassene Biologic Remicade mit dem Wirkstoff Infliximab, das sich in Studien und der praktischen Anwendung vor allem in Fällen bewährt hat, in denen andere Therapien nicht ausreichend angeschlagen haben.“

Biologics: Deutliche Verbesserung der Lebensqualität

„Biologics führen nicht nur zu einer Bekämpfung der Symptome, sondern offenbar auch zu einer Ausheilung der Schleimhaut. Momentan mehren sich die Hinweise darauf, dass der frühzeitige Einsatz von Biologics sogar den Krankheitsverlauf günstig beeinflusst“, erläutert PD Dr. Ochsenkühn. So kann der Einsatz dieser modernen Medikamente dazu beitragen, dass die Betroffenen ein weitgehend symptomfreies, selbstbestimmtes Leben führen können – ohne dafür mit starken Nebenwirkungen rechnen zu müssen. „Biologics haben im Vergleich zu bisher häufig eingesetzten Immunsupressiva, die die Funktion des Immunsystems bremsen, und Steroiden (Cortison) deutlich weniger Nebenwirkungen“, betont Prof. Dr. Andreas Raedler. „Die Lebensqualität der Patienten mit Morbus Crohn und Colitis ulcerosa verbessert sich nach Studienlage, aber auch nach meinen eigenen Erfahrungen unter der Behandlung mit Biologics deutlich“, so der Chefarzt des Westklinikums Hamburg. Ihr Einsatz in der Dauertherapie kann vielfach eine Dickdarmentfernung vermeiden und ein Leben ohne künstlichen Darmausgang ermöglichen. Eine vollständige Heilung können jedoch auch Biologics nicht bewirken.

Weitere Informationen zum Thema chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

www.darmexperte.de
Crohn & Colitis-Tag am 16. Oktober 2009: www.crohn-und-colitis-tag.de
Kompetenznetz Darmerkrankungen: www.kompetenznetz-ced.de
Deutsche Morbus Crohn / Colitis ulcerosa Vereinigung e.V. : www.dccv.de
Deutsche Arbeitsgemeinschaft chronisch entzündliche Darmerkrankungen: www.dgvs.de/330.php

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema
chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

1.    Wegen häufiger Bauchkrämpfe und Durchfälle war ich schon zigmal beim Hausarzt. Auch eine komplette Umstellung der Ernährung – ohne Milch, Gluten etc. – hat nichts gebracht. Soll ich den Arzt wechseln oder soll ich noch warten?

Dr. Howaldt: Wenn bei Ihnen noch keine Darmspiegelung gemacht wurde, sollten Sie Ihren Arzt dringend darauf ansprechen. Nur durch eine Darmspiegelung kann man chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) sicher diagnostizieren. Also nicht gleich wechseln, sondern weitere Untersuchungsergebnisse abwarten.

2.    Ich leide seit ein paar Jahren unter Colitis ulcerosa. Nun habe ich Angst, dass meine sechsjährige Tochter die Erkrankung auch bekommen könnte. Kann ich etwas tun, um dem vorzubeugen?

Dr. Howaldt: Nein, leider kann man bei einer Colitis ulcerosa vorbeugend nichts tun. Wobei man sagen muss, dass diese Form der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung deutlich seltener vererbt wird als beispielsweise ein Morbus Crohn. Leidet Ihr Kind wiederholt an starken Durchfällen, sollten Sie einen Kinder-Gastroenterologen aufsuchen.

3.    Mein Arzt rät mir, meine Colitis ulcerosa operieren zu lassen. Bin ich dann die Krankheit für immer los?

Dr. Howaldt: Jein. Mit einer Operation kann man Colitis ulcerosa soweit „heilen“, dass sie nicht wiederkehrt. Allerdings wird bei der Operation ein sogenannter „Pouch“ aus dem Dünndarm gebildet. Das ist eine Verbindung zwischen Dünndarm und Anus. Nach der Operation sind dann vier bis sechs Stuhlgänge am Tag notwendig. Man kann aber davon ausgehen, dass die Lebensqualität mit „Pouch“ nach der Operation sehr viel höher als vorher ist.

4.    Häufige Durchfälle und Krämpfe machen mir so manchen Tag zur Hölle. Meine Frau meint, ich solle dringend zum Arzt gehen. Aber ich habe Angst vor der Darmuntersuchung.

Dr. Kühbacher: Sie sollten den Rat Ihrer Frau dringend befolgen. Hinter krampfartigen Bauchschmerzen und Durchfällen kann sich eine Entzündung oder schlimmstenfalls Krebs verbergen. Sie brauchen keine Angst vor der Darmspiegelung zu haben. Ihr Arzt wird Ihnen alles genau erklären und bevor überhaupt eine Darmspiegelung durchgeführt wird, werden erst Blut- und Stuhluntersuchungen und eine Ultraschalluntersuchung von Bauch und Darm erfolgen. Die Darmspiegelung an sich werden Sie verschlafen, da diese Untersuchung mit einer Schlafspritze durchgeführt wird. Etwas anstrengend ist am Tag vor der Untersuchung nur die Darmreinigung, da Sie 2 bis 4 Liter einer Darmreinigungslösung zu trinken haben und häufig zur Toilette gehen müssen. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über Ihre Befürchtungen und Ängste, damit er gut auf Sie eingehen kann.

5.    Darf man trotz einer chronischen Darmerkrankung Sport treiben?

Dr. Kühbacher: Ja, das sollte man sogar. Denn regelmäßige Bewegung und Sport, das konnte sogar in einer klinischen Studie bei Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen nachgewiesen werden, führen zu einer deutlichen Besserung der Entzündung.

6.    Ich habe vor kurzem gehört, dass Rauchen eine chronische Darmerkrankung negativ beeinflussen kann. Das will mir nicht recht einleuchten – ist da was dran?

Dr. Kühbacher: Rauchen führt insbesondere bei Morbus-Crohn-Patienten zu einer Verschlechterung des Krankheitsbildes und einer Zunahme der Komplikationen. Es konnte in klinischen Untersuchungen an vielen Betroffenen gezeigt werden, dass das Einstellen des Rauchens die gleiche Wirkung hat wie die Einnahme eines Immunsupressivums. Daher wird allen Morbus-Crohn-Patienten dringend empfohlen, nicht zu rauchen bzw. mit dem Rauchen aufzuhören.

7.    Mein Bruder hat eine chronische Darmerkrankung – was muss ich mir darunter vorstellen? Gibt es dabei akute Schübe oder wie läuft die Erkrankung ab?

PD Dr. Ochsenkühn: Die chronische Entzündung des Darmes verläuft manchmal dauerhaft, manchmal schubartig. Die Ursachen sind leider noch unbekannt. Es gibt zwei verschiedene Arten, zum einen den Morbus Crohn, zum anderen die Colitis ulcerosa. Meist ist die Schleimhaut in Dick- oder Dünndarm befallen, beim Morbus Crohn ist häufig auch der Bauchraum mit in die Entzündung einbezogen. Die Hauptkrankheitsmerkmale sind Durchfälle und Schmerzen.

8.    Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es für Morbus Crohn und Colitis ulcerosa? Welche Ärzte sind auf die Behandlung spezialisiert?

PD Dr. Ochsenkühn: Da es noch keine ursächliche Therapie gibt, ist das Hauptziel die Entzündungsunterdrückung. Je nach Verlaufsform werden schwächere oder stärkere Medikamente eingesetzt. Seit einigen Jahren stehen auch sogenannte Biologics als neue Therapieoption zur Verfügung, die nicht nur die Symptome lindern, sondern auch die Entzündung stoppen, indem sie den Entzündungsbotenstoff TNF-alpha blockieren. Für die gezielte Therapie der Erkrankung gibt es spezielle Zentren, die meistens von Gastroenterologen und Internisten betreut werden.

9.    Vor drei Jahren wurde bei mir Colitis ulcerosa festgestellt. Da die bisherigen Therapien bei mir nicht ausreichend angeschlagen haben, möchte mein Arzt mich jetzt auf ein Biologikum umstellen. Was halten Sie davon?

PD Dr. Ochsenkühn: Das einzig zugelassene Biologikum ist Remicade mit dem Wirkstoff Infliximab, das sich in Studien und der praktischen Anwendung in solchen Fällen bewährt hat. Biologis führen nicht nur zu einer Bekämpfung der Symptome, sondern offenbar auch zu einer Ausheilung der Schleimhaut. Momentan mehren sich die Hinweise darauf, dass der frühzeitige Einsatz von Biologics, die den Entzündungsbotenstoff TNF-alpha hemmen, den Krankheitsverlauf günstig beeinflusst. In unserer CED-Ambulanz werden etwa 600 Patienten mit Morbus Crohn und 200 Patienten mit Colitis ulcerosa mit diesen Biologics behandelt.

10.    Mein Arzt sagt, Biologics haben Nebenwirkungen und sind nur bei schweren Schüben sinnvoll. Stimmt das? Ich habe gelesen, dass sie die Lebensqualität bei Morbus Crohn und Colitis deutlich verbessern können?

Prof. Dr. Raedler: Biologics haben im Vergleich zu bisher häufig eingesetzten Immunsupressiva, die die Funktion des Immunsystems bremsen, und Steroiden (Cortison) deutlich weniger Nebenwirkungen. Das gilt vor allem für schwere Entzündungen. Allerdings ist es zu vermeiden, Biologics zusammen mit Immunsupressiva und Cortison einzunehmen. Die Lebensqualität der Patienten mit Morbus Crohn (MC) und Colitis ulcerosa (CU) verbessert sich nach Studienlage, aber auch nach meinen eigenen Erfahrungen unter der Behandlung mit Biologics wirklich deutlich.

11.    Manchmal habe ich das Gefühl, dass meine chronische Darmerkrankung bei Stress schlimmer wird. Kann das sein?

Prof. Dr. Raedler: Das ist durchaus möglich. Während entsprechende Studien diese Frage wahrscheinlich aus methodischen Gründen nicht eindeutig beantworten, entspricht dieser Zusammenhang sowohl den Erfahrungen der Patienten als auch denen der Ärzte.

12.    Wegen Morbus Crohn bin ich seit zwei Jahren bei meinem Hausarzt in Behandlung. Obwohl ich regelmäßig Cortison schlucke, fühle ich mich immer schlechter und muss mich häufig krank melden. Was soll ich tun?

Prof. Dr. Raedler: Man sollte das Cortison zur Einleitung einer Remission, das heißt einer Verzögerung des Krankheitsverlaufs, nur über einen relativ kurzen Zeitraum von sechs bis acht Wochen einnehmen. Wenn das Cortison die Symptome nicht ausreichend kontrollieren kann, sollten Sie mit Ihrem Arzt dringend darüber sprechen und ihn bitten, auf eine andere Behandlung zu wechseln.